Niedersachsen: AfD legt stark zu – Sitzzahl auf Kreisebene verdreifacht, Gemeinden verfünffacht
Der starke Zuwachs der AfD bei den niedersächsischen Kommunalwahlen könnte nach Einschätzung von Politikexperten die Verankerung der Partei vor Ort nachhaltig verändern. Durch zahlreiche zusätzliche Mandate werde sie kommunalpolitisch deutlich handlungsfähiger. Zugleich zeigten die Ergebnisse, dass CDU und SPD zwar vergleichsweise fest verwurzelt seien, ihre traditionellen Hochburgen aber weiter erodierten. Bei den Kreiswahlen kam die AfD landesweit auf rund 16 Prozent und legte damit um etwa 11 Prozentpunkte zu. Ihr selbst gestecktes Ziel verfehlte sie jedoch. CDU und SPD blieben die stärksten Parteien, verloren aber 4,5 beziehungsweise 5,4 Prozentpunkte. Der AfD-Zuwachs sei nicht allein am Stimmenanteil zu messen, sagte der wissenschaftliche Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung, Alexander Hensel. Die Partei habe ihre Sitzzahl auf Kreisebene verdreifacht und auf Gemeindeebene sogar verfünffacht. «Sie kann viel breiter und an einzelnen Orten auch konzentrierter agieren und kann so kommunalpolitisch deutlich handlungsfähiger werden», sagte Hensel. Die AfD könne nun stärker daran arbeiten, sich mit konkreten Personen und kommunalen Themen als lokale Kraft zu etablieren. Eine solche Normalisierung vor Ort sei bereits in Ostdeutschland zu beobachten. Der Politikwissenschaftler Philipp Köker von der Leibniz Universität Hannover verwies allerdings darauf, dass die AfD hinter ihrem Bundestrend zurückgeblieben sei. Das könne auf ein geringeres Mobilisierungspotenzial in Niedersachsen hindeuten. Für die Landtagswahl 2027 werde entscheidend sein, ob sie mit einer geschlossenen Kampagne und einer geeigneten Spitzenkandidatur landesweit Wähler mobilisieren könne. Besonders erfolgreich war die AfD in der Stadt Salzgitter, wo sie bei der Kreiswahl mit rund 27 Prozent stärkste Kraft wurde. Ihre Oberbürgermeisterkandidatin erreichte zudem die Stichwahl. Nach Einschätzung der Experten treffen dort wirtschaftliche Unsicherheit, eine vergleichsweise schwache Sozialstruktur und der Bedeutungsverlust der SPD in einer früheren sozialdemokratischen Hochburg aufeinander. Der Politikwissenschaftler Martin Gross, der ab Oktober eine Professur an der Universität Oldenburg übernimmt, verwies auf Sorgen um die Automobilindustrie und große Zulieferbetriebe. Wirtschaftliche Krisen oder die Angst um den eigenen Arbeitsplatz könnten den Zuspruch zur AfD verstärken. Trotz ihrer Verluste schnitten CDU und SPD in Niedersachsen noch deutlich besser ab als in vielen anderen Bundesländern, erklärten die Wissenschaftler. Starke Amtsinhaber und Kandidaten sowie die Konzentration auf lokale Themen hätten ihnen geholfen, sich teilweise von der bundespolitischen Stimmung abzusetzen. Das dürfe aber nicht über den schwindenden Rückhalt in ihren Kerngebieten hinwegtäuschen. «Sowohl in der Fläche als auch in den Hochburgen der beiden Volksparteien zeigen sich fortschreitende Erosionstendenzen», sagte Hensel. Köker wertete dies als Warnung für die Landtagswahl: Dort könnten sich CDU und SPD weniger leicht von bundespolitischen Konflikten abgrenzen. Aus den Ergebnissen lässt sich nach Ansicht der Experten dennoch keine einfache Prognose für die Landtagswahl im kommenden Jahr ableiten. Bei Kommunalwahlen spielten Persönlichkeiten und örtliche Themen eine größere Rolle als auf Landes- oder Bundesebene. Ein eindeutiger Einfluss der kurz zuvor abgehaltenen Landtagswahl in Sachsen-Anhalt lasse sich ebenfalls nicht belegen, sagte Köker. Die deutlich gestiegene Wahlbeteiligung deute aber auf eine stärkere Politisierung hin. Ohne Daten zu Wählerwanderungen bleibe offen, welche Parteien besonders viele frühere Nichtwähler mobilisiert hätten. Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehaltenMehr Mandate ermöglichen lokale Verankerung
Warum ist die AfD in Salzgitter besonders stark?
Hochburgen von CDU und SPD erodieren
Keine einfache Prognose für die Landtagswahl