Der Göttinger Buchladen Rote Straße hat Staatsminister Wolfang Weimer ein begrenztes Kulturverständnis vorgeworfen. «Ich sehe da ein politisches Manöver, das den Kunst- und Kulturbegriff sehr verengt», sagte Co-Geschäftsführerin Mechthild Röttering mit Blick auf den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Weimer hatte den Göttinger Buchladen Anfang März wegen «verfassungsschutzrelevanter Erkenntnisse» von der Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises ausgeschlossen.
Co-Inhaberin Röttering sagte, sie finde die Entscheidung nach wie vor «unglaublich». Vor allem, weil sie nicht wisse, was ihrem Geschäft genau vorgeworfen wird. «Wir fragen uns: Was kann an einer legalen Buchhandlung, die legal Bücher verkauft - was kann daran verfassungsfeindlich sein?» Seit der Entscheidung habe es keinen Kontakt zu Weimer oder jemandem aus dessen Team gegeben.
Neben dem Göttinger Geschäft sind auch zwei weitere – der Golden Shop in Bremen und der Buchladen Zur schwankenden Weltkugel in Berlin – von dem Preis ausgeschlossen worden. Mit Verweis auf den Geheimschutz wurden die Vorwürfe gegen die Läden nicht näher benannt. Die drei Buchhandlungen bezeichnen sich selbst als links. Gegen den Ausschluss vom Buchhandlungspreis und ihre Überprüfung beim Verfassungsschutz klagen sie.
Rücktrittsforderungen an Weimer
Für den Ausschluss der Läden sowie der Tatsache, dass sich überhaupt beim Verfassungsschutz nach den Geschäften erkundigt wurde, erntete Weimer viel Kritik. Grüne und Linke legten ihm den Rücktritt nahe. Auch Röttering meint, Weimer solle sein Amt aufgeben. Er wirke auch ein «bisschen so, als ob der das Buch nicht besonders wertschätzen würde». Weimer argumentierte hingegen, der mit Steuergeld finanzierte Preis dürfe nicht «an Feinde des Staates» gehen, wie er es im Kulturausschuss des Bundestags ausdrückte.
Als die sieht sich die Göttinger Buchhandlung nicht. Eine linke Buchhandlung zu sein, sei Ausdruck einer Grundhaltung, sagte Röttering. «Dass wir davon ausgehen, dass Menschen gleich sind.» In der Roten Straße werde Wert darauf gelegt, dass sich im Sortiment etwa auch Bücher zu Antifaschismus, der Geschichte des Nationalsozialismus oder Feminismus finden. Und: «Wir haben viele Bücher aus kleinen Verlagen, die bei anderen Buchhandlungen oft nicht ausgestellt werden.»
2023 mit Buchhanldungspreis ausgezeichnet
Für sein Konzept wurde der Laden bereits 2023 als «hervorragende Buchhandlung» – die dritte von drei Gewinnkategorien – beim Buchhandlungspreis ausgezeichnet. Die Auszeichnung werde durch die «jetzige Beschädigung» übrigens nicht geschmälert. Die bisher eher unscheinbare Auszeichnung würdigt jährlich rund 100 Buchhandlungen, die etwa innovative Geschäftsmodelle verfolgen, kulturelle Veranstaltungen organisieren oder ein literarisches Sortiment anbieten. Der Preis ist mit bis zu 25.000 Euro dotiert.
Die Debatte um den Buchhandlungspreis hat für das kleine Geschäft auch etwas Gutes, das versteckt in einer kleinen Ecke eines Kirchplatzes beheimatet ist: Die Nachfrage sei derzeit ausgesprochen groß. Auf einem Plakat wird Weimer daher auch als Mitarbeiter des Monats für den umsatzstärksten März des 1972 gegründeten Ladens ausgezeichnet.
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