«Als ich die ukrainische Fahne gesehen habe und unsere Soldaten, da bin ich in Tränen ausgebrochen», sagt die 19-jährige Valeriia Sydorova auf Ukrainisch. Die Ukrainerin wird im Landtag in Hannover von einer Dolmetscherin übersetzt.
Mehr als ein Jahr lebte Sydorova nach eigenen Angaben unter russischer Besatzung. Sie wurde demnach als Minderjährige in ein Lager auf der annektierten Krim gebracht und kehrte schließlich allein über die Frontlinie in die Ukraine zurück. Im Landtag erzählte sie am Mittwoch ihre Geschichte.
Sydorova: «Du bist ein Kind und kannst nichts tun»
Sydorova war 15 Jahre alt, als russische Truppen ihre Heimatstadt einnahmen. «Das war vier Uhr morgens. Wir haben Detonationen gehört», erinnert sie sich. Schon am späten Vormittag seien russische Panzer in der Stadt gewesen, die Russen hätten Checkpoints errichtet. «Du verstehst, du hast keine Wahl. Du bist ein Kind und kannst nichts tun.»
Die Besatzung habe das Leben schnell verändert. Es habe kaum Lebensmittel und Medikamente gegeben, viele Menschen seien gestorben. Besonders Mädchen hätten Angst gehabt. Sie habe das Haus nur noch in Begleitung verlassen. «Wir haben gesehen, wie Mädchen auf dem Markt einfach entführt wurden.»
Nach früheren ukrainischen Angaben wurden Tausende Kinder und Jugendliche aus russisch besetzten Gebieten verschleppt. Russland hat die Vorwürfe immer wieder zurückgewiesen und sich offiziell dazu bereiterklärt, fragliche Fälle aufzuklären.
Zahlreiche Kinder sind inzwischen wieder in ukrainische Obhut zurückgekehrt. 2023 hatte der Internationale Strafgerichtshof wegen des Vorwurfes der Verschleppung von ukrainischen Kindern Haftbefehle gegen Putin und die russische Kinderbeauftragte Maria Lwowa-Belowa ausgestellt.
Man sagte ihnen, sie würden für zwei Wochen auf die Krim fahren
Schließlich sei auch sie selbst verschleppt worden, so Sydorova. Die Schule habe ihre Großmutter angerufen, die Kinder sollten sich am zentralen Platz versammeln. Busse standen bereit. Man habe ihnen gesagt, sie würden für zwei Wochen in ein Ferienlager auf die Krim fahren. «Es gab ja keine Wahl», sagt Sydorova. «Alle Kinder mussten fahren.»
Im Lager habe ein strenger Alltag begonnen. Jeden Morgen sei die russische Hymne gesungen worden, danach Unterricht – oder das, was so genannt wurde. «Das waren Erzählungen über Russland», berichtet sie. Ukrainisch habe niemand sprechen dürfen. In ihrem Abschlusszeugnis habe gestanden, Russisch sei ihre Muttersprache.
Viele Kinder seien krank geworden – kaum Medikamente
Kontakt zu den Familien habe es nicht mehr gegeben. Viele Kinder seien krank geworden, an Medikamenten habe es gemangelt. Wer Hilfe suchte, sei oft abgewiesen worden. «Du musst hohes Fieber haben», habe eine Krankenschwester gesagt. Kopfschmerzen seien nur ein Vorwand, nicht zum Unterricht zu gehen.
Nach den ersten zwei Wochen sei klar geworden, dass sie nicht zurückkehren würden. Kameras, Wachen und Checkpoints hätten das Lager wie ein Gefängnis wirken lassen. «Du kannst das Gelände nicht verlassen», sagt Sydorova.
Sydorova: «Zweieinhalb bis drei Kilometer, komplett zerbombt»
Ihre Rettung sei schließlich über eine Verwandte organisiert worden. Als Waise habe sie fürchten müssen, in Russland zwangsweise eingebürgert zu werden. Sie habe sich deshalb allein auf den Weg gemacht – über mehrere russische Städte und einen improvisierten Grenzübergang.
Der letzte Abschnitt führte über eine zerstörte Straße zwischen den Frontlinien. «Zweieinhalb bis drei Kilometer, komplett zerbombt», sagt sie. Auf beiden Seiten seien Minenfelder gewesen. Russische Soldaten hätten sie verhört, ihre Papiere fotografiert. Danach durfte sie weiter.
Am nächsten Tag habe Russland eine Verordnung erlassen, nach der Minderjährige die Grenze nicht mehr passieren durften. «Das war die letzte Chance, die ich genutzt habe», sagt Sydorova.
Naber: «Indoktrination und Militarisierung» staatlich organisiert
Landtagspräsidentin Hanna Naber (SPD) sprach von einem «staatlich organisierten Programm aus Indoktrination und Militarisierung». Sie verwies auf Untersuchungen, wonach Hunderte Einrichtungen in Russland und in besetzten Gebieten Teil eines Systems seien. In diesem würden ukrainische Kinder umerzogen und teils militärisch ausgebildet.
Die ukrainische Kinderrechtsaktivistin Olha Yerokhina sieht in dem Vorgehen Russlands ein System. Viele Kinder berichteten, sie hätten ihre Sprache nicht sprechen dürfen. «Man sagte ihnen: Dein Land existiert nicht. Dein Volk existiert nicht.» Das seien Anzeichen für einen möglichen Völkermord.
Sydorova: «Wir sind Binnenflüchtlinge, bauen unser Leben neu auf»
Heute lebt die 19-jährige Sydorova in Kiew und studiert Medizin. Ihr Freund – ebenfalls aus den besetzten Gebieten – habe über Umwege das Land verlassen und sei später zu ihr gekommen. «Wir sind Binnenflüchtlinge, bauen unser Leben neu auf», sagt sie. «Aber wir wissen, was wir wollen: Wir möchten in der Ukraine leben.»
Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten