Einjährige Transpolardrift in der Arktis startet in Norwegen
Eine ungewöhnliche, einjährige Expedition zur Erforschung der Arktis hat Ende August in Norwegen begonnen. Mit einem Spezialschiff wollen sich zwölf Menschen - sechs Wissenschaftler und sechs Besatzungsmitglieder - im Meereis einschließen lassen und bis zu ein Jahr lang über das Nordpolarmeer driften. Ziel sei es, den Zustand des einzigen polaren Ozeans unseres Planeten und den der Erde besser zu verstehen, erklärte das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Auch die Friedrich-Schiller-Universität Jena ist Partner des Projekts, an dem insgesamt 32 wissenschaftliche Einrichtungen aus aller Welt beteiligt sind. Die Transpolardrift sei ein bewährtes Forschungskonzept, sagte Meeresforscher Marcel Nicolaus auf einem Meeresumwelt-Symposium in Hamburg. Schon der norwegische Polarforscher Fridtjof Nansen (1861-1930) habe solch eine Expedition vor 130 Jahren gemacht. Das Spezialschiff, die «Tara Polar Station», wurde von der französischen Tara Ocean Foundation gebaut. Es hat eine ovale Form, um dem Eisdruck standzuhalten. An Bord gibt es auf drei Stockwerken Labore, Schlafkabinen, eine Küche und ein Hospital sowie die Brücke für den Kapitän. Das größte Labor hat einen Zugang zum Meerwasser, um einen Tauchroboter unter der Eisschicht zum Daten sammeln einsetzen zu können. «Wir betreiben es wie eine Raumstation», sagt Nicolaus. Das Schiff sei die «ISS der Arktis». Die Wissenschaftler können frühestens Mitte April nächsten Jahres abgelöst werden. Das Schiff stach am 19. Juli vom westfranzösischen Hafen Lorient mit einer sechsköpfigen Crew in See. Am 22. August gingen im nordnorwegischen Kirkenes sechs Forscher aus Frankreich, Deutschland, der Schweiz und Kanada an Bord. Von dort fuhr das Schiff durch die Barents- und die Karasee. An der Eiskante nördlich der Neusibirischen Inseln traf es den chinesischen Forschungseisbrecher «Xue Long 2», der die Begleitung übernahm. Inzwischen hat das Schiff eine große Scholle gefunden, an der es angelegt hat. Diese Scholle soll für ein Jahr die Basis für die umfangreiche Erforschung des Arktischen Ozeans sein, wie das Alfred-Wegener-Institut mitteilte. Auf der Fahrt dorthin passierte die «Tara Polar» die Ausschließliche Wirtschaftszone Russlands. Dafür habe die Expedition eine Genehmigung bekommen, sagte Atmosphärenforscherin Julia Regnery über eine Live-Schalte zum Symposium in Hamburg. «Wissenschaftlich gibt es keine Kooperation.» Die russischen Behörden hätten nur den Transit gestattet und keine Forschung in der Zone erlaubt. Die Wissenschaftler wollen vermeiden, in Richtung Russland zu driften. Inklusive der Crew sind nach Angaben Regnerys acht Männer und vier Frauen auf der «Tara Polar Station». Auf dem Schiff gebe es auch einen Finnischen Lapphund namens «Örkki». «Seine wichtigste Aufgabe wird draußen an Deck und auf dem Meereis liegen: Örkki soll uns frühzeitig vor Eisbären warnen und so besonders während der langen Polarnacht zu unserer Sicherheit beitragen», schreibt Regnery auf Instagram. Die 44-Jährige schilderte in der Live-Schalte detailreich das Leben auf der isolierten Station. Im Winterhalbjahr habe jeder Forscher seine eigene Kabine. Im Sommer, wenn insgesamt 18 Menschen an Bord sind, müsse man sich die Kabinen teilen. Bewegung habe es auf der Fahrt nur in kleinen Runden auf dem Schiff oder an einem Heimtrainergerät gegeben. Sobald die Station vom Eis eingeschlossen ist, könnten die Forscher sie aber über eine Gangway verlassen und auf das Eis gehen, sagte Nicolaus. Die Versorgung mit Treibstoff und Nahrung muss für die gesamte Drift reichen. Der Platz für Müll ist begrenzt. Er habe vor Beginn der Expedition 300 Tafeln Schokolade ausgepackt, um die Pappe bereits an Land entsorgen zu können, erzählte Nicolaus, der seine Kollegin im Frühjahr ablösen will. In der Freizeit werde Musik gemacht oder es würden Gesellschaftsspiele gespielt, berichtete Regnery. Sie selbst habe Wolle dabei, um einen Island-Pulli zu stricken. Untereinander spreche man Englisch, die Crew sei jedoch französisch. Das Leben an Bord sei mit ein paar Einschränkungen verbunden, es gebe zum Beispiel nur geteilte Badezimmer. «Man hat eine ungewöhnliche Toilettensituation, weil man Fest und Flüssig beim Toilettengang trennen muss», sagte die Forscherin. Alles Flüssige werde ins Meer geleitet, der Rest auf dem Schiff verbrannt. «Die Station ist nahezu emissionslos und stört das natürliche Gleichgewicht in diesem empfindlichen Lebensraum deshalb kaum», erklärt der Jenaer Professor für Bioanalytik, Georg Pohnert. Die Köchin versorge alle an Bord täglich mit Mahlzeiten, nur am Sonntag müsse jemand anders die Küche übernehmen, sagte Regnery. Es sei eine Ärztin auf der Station, die auch Zähne behandeln könne. Eine Evakuierung sei nur im äußersten Notfall und unter günstigen Umständen möglich. Im Oktober beginnt die Polarnacht, dann ist es gut vier Monate lang dunkel. Die Wissenschaftler haben 220 Messprotokolle abzuarbeiten. Dabei geht es um die Veränderung des arktischen Ökosystems, um mikrobiologische Prozesse, Schadstoffe und andere wissenschaftliche Themen. Die arktische Eisfläche verringere sich pro Jahrzehnt um zwölf Prozent, sagt Nicolaus. In den nächsten 20 Jahren soll die Forschungsstation zehn Expeditionen absolvieren und Licht ins wissenschaftliche Dunkel bringen. Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehaltenLeben wie auf einer Raumstation
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