Ginseng aus der Heide - Ernte der exotischen Wurzeln
Die kleinste Erntehelferin heißt Carlotta, sie ist knapp fünf Monate alt, liegt in ihrem Kindersitz auf dem Trecker und lässt sich vom Schaukeln der Maschine in den Schlaf lullen. «Der Nachwuchs ist gesichert», sagte Gesine Wischmann, Geschäftsführerin der nach ihren Worten einzigen Ginseng-Farm Europas. Vor mehr als 40 Jahren habe ihr Vater in Bockhorn bei Walsrode mit dem Anbau der exotischen Heilpflanze aus Korea begonnen, in einer wirtschaftlich schwierigen Lage - damals habe der Hof auf Mastschweine gesetzt. Heute werde mit Ginseng ein Umsatz in siebenstelliger Höhe erzielt, allerdings dauere es Jahre bis zur Ernte - die gerade begonnen hat. Die Wirkstoffe im Ginseng gelten ihren Worten zufolge als belebend für Körper und Geist und stärken das Immunsystem. Wischmann selbst ist für den Vertrieb zuständig, ihre Schwester Henrike Rodemeier für den landwirtschaftlichen Betrieb. In dem Familienbetrieb werden auch noch etwa Roggen und Heidelbeeren angebaut. Der Aufwand ist groß. Es handele sich um eine Staude, erklärte Wischmann. Die frischen Samen kommen ab August mit Sand in einen Beutel, werden in die Erde eingegraben und keimen dort. Im kommenden Frühjahr werden die Samen ausgegraben und gesät - bis zur Ernte der Wurzeln dauert es sechs Jahre. Für die Pflanzen werden Erddämme aufgeschüttet, ähnlich wie beim Spargel, weil Ginseng eines überhaupt nicht mag, wie die 62-Jährige sagt: konstante Nässe. Und das ist nicht alles: Ginseng verträgt auch kein direktes Sonnenlicht. Also werden jedes Jahr Konstruktionen aus Stahlpfosten und einem speziellen Gewebe aufgebaut, die etwa 80 Prozent des Sonnenlichts abhalten, aber Regenwasser durchlassen. Außerdem werden die Beete mit Stroh abgedeckt. Angebaut wird Ginseng in Walsrode im Schnitt auf neun Hektar Fläche, auf sechs Jahre verteilt. Sind die Wurzeln geerntet, sind die Flächen für 25 bis 30 Jahre für Ginseng nicht mehr geeignet. Vor der Ernte müssen die Schattendächer abgebaut und das Stroh entfernt werden. Dann fährt ein sogenannter Siebkettenroder über die Beete, greift etwa einen halben Meter tief und holt die Wurzeln aus dem Boden. Ist die Erde zu feucht, muss bei Bedarf ein zweiter Trecker vorgespannt werden, weil sonst die Räder in der feuchten Erde nicht greifen. In der Nacht habe es zehn Millimeter Regen gegeben, daher sei der Boden feucht und der Traktor komme schlecht voran, sagte Clemens Rodemeier. Der 26-Jährige, Wischmanns Neffe und Vater der kleinen Carlotta, fährt den Roder. Ist der Boden zu trocken, kommt der Roder nicht in den Damm. Liegen die Wurzeln auf dem Acker, werden sie von Hand gesammelt und in Körbe gepackt. Die werden auf den Hof gebracht, per Hochdruckreiniger werden die oft seltsam geformten Wurzeln grob gesäubert und dann gewaschen. Anschließend werden sie getrocknet und verlieren dabei etwa zwei Drittel ihres Gewichts. Dennoch: «Wir müssen auf eine Tonne pro Hektar kommen», sagte Wischmann. Aus den Wurzeln werde ein Extrakt gewonnen und in Kapseln zum Einnehmen und in Kosmetikprodukten wie Shampoo oder Gesichtscreme verarbeitet, sagte die Geschäftsführerin. Getestet würden zudem eigene Produkte wie Seife und Badesalz, außerdem eine Sehnencreme für Pferde, die oft Schwierigkeiten mit den Gelenken hätten. «Davon versprechen wir uns viel», sagte sie. Entscheidend sei vor allem der deutsche Markt. In Deutschland sei es eine «sehr ungewöhnliche» Pflanze, sagte eine Sprecherin des niedersächsischen Landvolks. Landwirte bauten sie normalerweise nicht an. Wischmann erzählte, zwischenzeitlich habe es Versuche in den Niederlanden und Belgien gegeben, zwei auch in Deutschland. Aber: «Es bleibt halt keiner dabei», sagte sie. Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehaltenWie wird Ginseng angebaut?
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