Ihre Spurensuche in Arizona beginnt mit einer Wette am Frühstückstisch: Wer die ersten Tiere einer bestimmten Art findet, bekommt einen Kasten Bier. Volker Lohrmann und sein damaliger Doktorvater haben nämlich eine Mission: Sie wollen die Ersten sein, die eine bisher unbekannte Wespe finden.
Das ist selbst für die beiden Experten nicht so einfach. In dem Gebiet sind Tausende Wespen unterwegs - und sie suchen ein noch gänzlich unbekanntes Insekt ohne Namen. «Das ist eine schwarze Wespe mit verrauchten Flügeln, also leicht undurchsichtigen, trüben Flügeln und einem überwiegend knatschgelben Hinterleib», beschreibt sie der Biologe. Doch sie haben Glück. «Im Vorbeiflug wussten wir sofort: Das ist sie!»
Millionen Tiere in Stahlschränken, Gläsern und Schubladen
Zwei dieser Wespen - jetzt bekannt unter dem Namen «Gorytes willcoxi» - lassen sich Jahre später im Bremer Übersee-Museum finden. «Das ist eine sehr alte Sammlung», sagt Michael Stiller, Leiter der Abteilung Naturkunde. Seit dem 19. Jahrhundert sammeln und erforschen Wissenschaftler dort Insekten, Reptilien, Vögel und Pflanzen. Ausgestopft in Stahlschränken, eingelegt in Alkohol in Gläsern oder aufgespießt mit Nadeln in herausnehmbaren Schubladen, die an Bilderrahmen erinnern.
Der Keller des Museums ist längst zu einer Schatzkammer geworden. «Wir haben wahrscheinlich um die 1,2 Millionen Objekte, ganz genau gezählt hat keiner», sagt Stiller. Doch es gibt noch viel größere Sammlungen, etwa im Museum für Naturkunde in Berlin, im Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt oder im Museum der Natur Hamburg.
Unwiederbringliche Schätze
Stiller schließt eine Kellertür im Übersee-Museum auf. Es öffnet sich eine Welt, die Museumsbesuchern sonst verborgen bleibt. Neonlicht flackert kurz auf, es riecht ein wenig muffig. Der Raum voller Schrankwände wirkt unscheinbar, bis der 65-Jährige eine Schranktür öffnet.
Hunderte ausgestopfte Vögel in allen Größen und Farben blicken einem entgegen. Meisen, Kolibris, Tauben, selbst ein Pinguin ist darunter. An ihren Krallen hängen jeweils zwei handgeschriebene Etiketten mit Namen und Herkunft des jeweiligen Tiers. Sie lebten einst in Guatemala, auf Sansibar oder irgendwo in Asien.
Besonders wertvoll sind Exemplare, die als Erstes entdeckt wurden. Wissenschaftler sprechen auch von Typen. Sie wählen darunter genau ein Tier als Namensträger aus - den sogenannten Holotypus. Dieses Exemplar dient dann weltweit als Vergleich für andere Tiere.
Ein unbekanntes Chamäleon und das Schicksal seines Entdeckers
Zu den ersten Tieren ihrer Art im Übersee-Museum zählen etwa Schwämme von der ersten deutschen Tiefseeexpedition 1898/1899 und von der ersten deutschen Antarktisexpedition 1903.
Ein anderes Beispiel ist das «Chamaeleo campani», das 1881 auf Madagaskar entdeckt wurde. Es ist ein Wunder, dass es das Reptil überhaupt nach Bremen geschafft hat. Denn der Forscher Diederich Christian Rutenberg wurde auf seiner Expedition ermordet. Sein Vater - der Gründer der Brauerei Becks - setzte alles daran, zumindest die Arbeit seines Sohnes zurück in die Heimat zu holen. «Das ist also nicht nur eine neu entdeckte Tierart, sondern zeugt gleichzeitig vom tragischen Schicksal seines Entdeckers», sagt Stiller.
Die Letzten ihrer Art
Besonders gehütet werden auch sogenannte Extinkte, also die letzten Vertreter einer ausgestorbenen Art. «Die Ersten und Letzten ihrer Art sind die Kronjuwelen eines Museums», meint Lohrmann.
So lässt sich der Karolinasittich, ein Papagei aus den südlichen USA, nur noch ausgestopft im Museum finden. Er galt einst als Plage auf Obstplantagen und wurde so lange bejagt, bis er ausstarb. Auch die Wandertaube wurde von Menschen ausgerottet. Der früher häufigste Vogel der Welt landete so oft auf dem Teller, bis nirgends mehr eine solche Taube gesehen wurde.
Experten gehen davon aus, dass weltweit zwischen acht und 100 Milliarden Arten leben. Nur ein Bruchteil - rund zwei Millionen - ist Forschern bekannt. «Das Dramatische ist, dass wahnsinnig viele Arten aussterben, die wir als Wissenschaft noch nie gesehen haben», sagt der Biologe. Viel Material schlummert noch unentdeckt in irgendwelchen Sammlungen oder Schubladen.
Rund 20 Arten zum ersten Mal entdeckt
Auch in Lohrmanns Büro warten noch einige unbekannte Arten auf ihre Entdeckung. «Ein großer Teil des wichtigsten Materials zu der Wespengruppe, zu der ich forsche, liegt gerade in meinem Büro», sagt der 45-Jährige. Seine Expertise hat sich herumgesprochen, er bekommt regelmäßig tote Insekten geschickt. «Wenn dieses Büro Opfer einer Katastrophe würde, müssten wir in dieser Tiergruppe von null anfangen.»
Seit der Expedition mit seinem damaligen Doktorvater hat Lohrmann rund 20 unbekannte Wespenarten erforscht und benannt. «Tatsächlich kann ich gar nicht sagen, was ich aufregender finde: eine neue Art selber zu entdecken, zu beschreiben und zu benennen. Oder zu wissen, dass man eine unentdeckte Art im Feld selbst gesammelt hat.»
Wie Tiere einen Namen bekommen
Wenn Lohrmann eine solche Wespe untersucht, wühlt er sich durch Fachliteratur und prüft sogenannte Bestimmungsschlüssel. «Das funktioniert wie bei dem Kinderspiel "Wer ist der Täter?"», erklärt der Biologe. «Es werden lauter Fragen gestellt und ich schaue mir unterm Mikroskop an, was davon zutrifft oder eben nicht.» Wenn sich das Tier nirgendwo einordnen lässt, darf er die Art untersuchen und ihr einen Namen geben.
Der Name besteht in der Regel aus zwei Teilen - einem Gattungs- und einem Artnamen. Dabei darf der Wissenschaftler kreativ werden und beliebig Buchstaben aneinanderreihen. «Die Buchstabenkombination muss als Wort aussprechbar sein», sagt der Insektenforscher. Er hat Wespen schon nach ihrer Herkunft, nach indigenen Sprachfamilien oder nach seinem verstorbenen Vater benannt. Eine Wespe trägt sogar seinen eigenen Namen, Forscherkollegen haben das Tier so getauft.
Der Name «Hukawngepyris setosus» erinnere etwa an das Hukawng Valley im Norden Myanmars, erklärt Lohrmann. Dort wurde das Tier von einem Sammler aus Niedersachsen entdeckt, eingeschlossen in einen Bernstein. «Das ist eine Bernsteinwespe, die vor 100 Millionen Jahren gelebt hat.» Das Tier hält gleich zwei Rekorde: «Das ist nicht nur das Erste, sondern wahrscheinlich auch das letzte Exemplar seiner Art.»
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