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Niedersachsen plant größte Umgestaltung der Oberstufe seit mehr als 20 Jahren

Niedersachsen plant größte Umgestaltung der Oberstufe seit mehr als 20 Jahren
Schriftliche Abiturprüfungen wird es in Niedersachsen bald seltener geben als bisher. (Archivbild) / Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
Von: DieNiedersachsen News
Von 2028 an können die Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen in der Oberstufe neue Fächerkombinationen bilden. Und: Sie müssen weniger Arbeiten schreiben.

Es ist die größte Umgestaltung der Oberstufe seit mehr als 20 Jahren, die Kultusministerin spricht von einem «Meilenstein»: Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen sollen auf dem Weg zum Abitur bald mehr Wahlmöglichkeiten bekommen und weniger Arbeiten schreiben müssen. Auch die Lehrkräfte sollen entlastet werden. Ein Überblick, was geplant ist.

Warum gibt es die Reform?

Kultusministerin Julia Willie Hamburg hält ein neues Regelwerk für die Oberstufe und die Abiturprüfungen nach mehr als 20 Jahren für dringend nötig. Als die alte Verordnung entstand, habe es weder Smartphones noch künstliche Intelligenz gegeben, das Studium habe sich seither weiterentwickelt und auch die Situation am Arbeitsmarkt sei inzwischen eine ganz andere. Entsprechend hätten sich auch die Anforderungen an die Absolventen verändert. Mit der Reform mache das Land die Oberstufe daher «fit für das nächste Jahrzehnt», sagte die Grünen-Politikerin.

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Was soll die Reform bewirken?

Zuallererst geht es Hamburg zufolge darum, die Oberstufe aus den aus ihrer Sicht bisher «starren Strukturen» zu lösen. Stattdessen solle sich die Oberstufe künftig an den Stärken, Interessen und Zukunftsplänen der Schülerinnen und Schüler ausrichten, um sie bestmöglich auf Studium und Beruf vorzubereiten.

Gleichzeitig sollen der Unterricht und die Prüfungen moderner gestaltet und Schülerinnen und Schüler ebenso wie die Lehrkräfte entlastet werden.

Für wen gelten die Änderungen?

Tritt der Entwurf wie geplant zum nächsten Jahr in Kraft, werden die heutigen Zehntklässler die ersten sein, die das Abitur im Frühjahr 2030 nach den neuen Vorgaben ablegen. Die Änderungen greifen für sie aber erst ab Stufe 12, weil die Schulen zunächst Zeit für die Umstellung bekommen sollen. Die erste komplett reformierte Oberstufe absolvieren dann die heutigen Neuntklässler.

Was passiert in Stufe 11?

Für die sogenannte Einführungsphase werden die Fächer aufgeteilt in einen Pflichtbereich sowie zwei Wahlpflichtbereiche. Pflicht sind Deutsch, eine fortgeführte Fremdsprache, Mathematik, Sport, Religion beziehungsweise Werte und Normen oder Philosophie sowie berufliche Orientierung.

Im Wahlpflichtbereich I werden ein Fach aus Musik, Kunst oder Darstellendem Spiel (Bereich A) plus jeweils zwei Fächer aus Geschichte, Erdkunde und Politik (Bereich B) und Biologie, Chemie, Physik und Informatik (Bereich C) verlangt. Im Wahlpflichtbereich II können die Schülerinnen und Schüler individuelle Vertiefungen wählen, etwa bis zu zwei weitere Fremdsprachen.

Insgesamt entsteht so ein Stundenplan im Umfang von 30 Wochenstunden.

Was ändert sich in den Stufen 12 und 13?

Bislang gibt es fünf festgelegte Profile: Die Schulen müssen einen sprachlichen und einen naturwissenschaftlich-mathematischen Schwerpunkt anbieten, sie sollen einen gesellschaftswissenschaftlichen einen musisch-künstlerischen Schwerpunkt anbieten und sie können einen sportlichen Schwerpunkt anbieten.

Ministerin Hamburg hält diese Vorgaben für zu starr, weil die Schülerinnen und Schüler so in der Qualifikationsphase in Fächerprofile gepresst würden, die nicht zu ihnen passten. Die Fächer sollen deshalb flexibler kombiniert werden können, in der Regel in einem Umfang von 32 Stunden pro Woche.

Gleichzeitig werden den Plänen zufolge weniger Klausuren geschrieben, insbesondere im Halbjahr vor den Abiturprüfungen. Auch die Facharbeit entfällt. Zudem können sich die Schulen dafür entscheiden, einen Teil der Klausuren durch sogenannte kombinierte Leistungsnachweise zu ersetzen. Das können etwa Präsentationen in Form eines Podcasts oder Podiumsdiskussionen sein.

Wie sieht das neue Abitur aus?

Niedersachsen bleibt bei fünf Prüfungsfächern im Abitur. Eine Absenkung auf vier Prüfungsfächer wäre möglich gewesen, allerdings hätte das nach Einschätzung des Ministeriums die Kombinationsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Anders als bisher werden aber nur noch in drei statt vier Fächern schriftliche Abiturprüfungen geschrieben. 

Warum gibt es weniger schriftliche Arbeiten?

Die Umwandlung einer schriftlichen Abiturprüfung in eine mündliche begründete Hamburg damit, dass Kommunikation, Interaktion und mündliche Präsentationen heute in Studium, Beruf und Gesellschaft eine größere Rolle spielten als früher. 

Zum Wegfall der Facharbeit sagte sie, dieses Prüfungsformat biete in Zeiten Künstlicher Intelligenz nur noch wenig Mehrwert, weil es nicht mehr sicher sei vor Schummelversuchen. Die Schülerinnen und Schüler sollten aber weiterhin an das wissenschaftliche Arbeiten herangeführt werden.

Insgesamt sollen die Kommunikation von Inhalten und das Reflektieren darüber mehr Gewicht bekommen, ebenso wie projektorientiertes Arbeiten.

Welche Entlastungen gibt es für die Lehrkräfte?

Wie die Schülerinnen und Schüler sollen auch die Lehrkräfte von der geringeren Zahl an Klausuren profitieren – auch wenn ihnen bei neuen Prüfungsformaten wie einem Podcast womöglich zusätzliche Kompetenzen abverlangt werden. Mit der Facharbeit fiele nach Einschätzung des Ministeriums eine «starke punktuelle Belastung» ganz weg.

Und: Einige bürokratische Auflagen sollen gestrichen werden, etwa die händische Führung eines Studienbuchs, das die Leistungen jedes Schülers und jeder Schülerin dokumentiert. Im Abitur sollen die Abschlussarbeiten zudem in der Regel nur noch von zwei statt drei Prüfern korrigiert werden.

Werden die Ansprüche heruntergeschraubt?

Abstriche bei der Qualität und Vergleichbarkeit des Abiturs werde es trotz aller Änderungen nicht geben, verspricht die Ministerin: «Mehr Wahlfreiheit bedeutet nicht weniger Anspruch. Das hohe Niveau des niedersächsischen Abiturs bleibt gesichert.» Niedersachsen investiere auch insgesamt in mehr Stunden in den Schulen als von der Kultusministerkonferenz vorgegeben, insbesondere für Fremdsprachen und Geisteswissenschaften in den Jahrgängen 5 bis 10.

Die CDU wirft Hamburg dagegen vor, die verbindliche Allgemeinbildung abzubauen. Die angepriesene Wahlfreiheit bestehe aber nur, wenn die Schulen die gewünschten Kurse auch tatsächlich anbieten könnten, kritisierte die Landtagsabgeordnete Sophie Ramdor. «Dazu braucht es genügend Lehrkräfte und Unterrichtsstunden, aber genau daran mangelt es in ganz Niedersachsen.»

Wie lief das Abitur zuletzt?

Knapp 26.300 Schülerinnen und Schüler haben in diesem Jahr ihr Abitur in Niedersachsen bestanden. Die Durchschnittsnote lag dabei, wie schon in den beiden Vorjahren, bei 2,45.

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