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Anike Ekina und die Task Force Social Media: Wie aus einem Halbsatz ein Ermittlungsverfahren wurde

Steuerfahndung bei Influencern: Anike Ekina über Razzia, Vermögensarrest und Bürokratie / Bildrechte: Anike Ekina
Steuerfahndung bei Influencern: Anike Ekina über Razzia, Vermögensarrest und Bürokratie / Bildrechte: Anike Ekina

Beamte durchsuchen Anike Ekinas Räume – ausgelöst durch eine ungenaue Podcast-Aussage. Wie automatisierte Datenanalysen und Bürokratie Creator bedrohen.“

Als es an der Tür klingelte, dachte BestFans-Creatorin Anike Ekina zunächst an nichts Ungewöhnliches. Minuten später standen zwischen 20 und 30 Beamte in ihren Räumen – die sogenannte Task Force Social Media der Steuerfahndung. Was folgte, war eine Durchsuchung, die den gesamten Betrieb der Unternehmerin und Creatorin über Nacht lahmlegte. Mobiltelefone, Server, Zugänge – alles wurde beschlagnahmt. „Unsere komplette Arbeitsfähigkeit war von einem Moment auf den anderen weg", beschreibt sie rückblickend. Während der Maßnahme seien zusätzliche Beschlüsse erwirkt worden, die weitere Unternehmensbereiche betrafen.

Den emotionalen Einschnitt fasst Ekina knapp: „In diesem Moment merkst du: Hier geht es nicht mehr nur um Zahlen. Hier wird dein komplettes Leben auseinandergenommen."

Ein Missverhältnis – oder nur ein anderer Maßstab?

Im Zentrum des Verfahrens steht der Verdacht, Ekinas mehr als drei Millionen Follower stünden in einem erheblichen Missverhältnis zu den gemeldeten Umsätzen. Eine Rechnung, die sich für die Ermittler offenbar nicht ausgeht. Ekina selbst hält dagegen: „Die hier konstruierten Schlussfolgerungen entsprechen nicht der tatsächlichen wirtschaftlichen Realität."

Für die Jahre 2021 und 2022 steht ein Betrag von rund 229.000 Euro im Raum, für 2023 besteht bislang lediglich ein Anfangsverdacht, aktuellere Jahre sind nicht Bestandteil des Verfahrens. Dennoch wurde bereits ein Vermögensarrest in Höhe von 154.000 Euro verhängt. Die Logik der Behörden sieht Ekina kritisch: „Es wird ein Bruchteil betrachtet – und daraus ein Gesamtvorwurf gebaut."

Automatisierte Auswertung und ein folgenreicher Satz

Die Ermittler stützen sich nach Ekinas Darstellung unter anderem auf automatisierte Analysen öffentlich verfügbarer Social-Media-Inhalte, Interviews sowie Aussagen aus Podcasts. Eine Passage wiegt dabei besonders schwer: eine öffentliche Angabe zu ihren Monatseinnahmen.

„Ich wurde gefragt, was ich im Monat verdiene – und habe sechsstellig gesagt", erklärt Ekina. „Ich habe in dem Moment nicht darüber nachgedacht, weil ich intern immer in Jahresumsätzen rechne. Das war keine Absicht, sondern ungenau formuliert." Ein Halbsatz in einem Interview, der nun offenbar als Grundlage für steuerliche Bewertungen herangezogen werde.

Die übersehene Struktur

Scharf kritisiert Ekina die Methodik der Behörden. „Es werden nur die Einnahmen gesehen – aber die komplette Struktur dahinter ignoriert", sagt sie. Hinter ihrem Auftritt stehe ein Unternehmen mit Mitarbeitern, Produktionskosten und Infrastruktur. Auch internationale Besonderheiten blieben aus ihrer Sicht außen vor: „Bei Einnahmen aus Großbritannien über Plattformen wird die Umsatzsteuer bereits durch den Betreiber in die jeweiligen Länder abgeführt, in denen sie entsteht. Deshalb werden diese Beträge netto nach Deutschland ausgezahlt." Eine isolierte Gegenüberstellung von Plattformauszahlungen und deutscher Steuererklärung greife daher zu kurz.

Bürokratie als Dauerbelastung

Ekina beschreibt einen Alltag, der längst nicht mehr aus Content und Kreativität besteht, sondern aus Formularen. „Die Bürokratie in Deutschland ist mittlerweile so extrem, dass du kaum noch hinterherkommst." Ihr Unternehmen sei klein und familiengeführt, dennoch arbeiteten bereits zwei Mitarbeiter ausschließlich im administrativen Bereich – „und selbst das reicht nicht aus".

Dazu kommt ein schwieriges wirtschaftliches Umfeld. „2024 war schon schwierig – aber 2025 hat uns wirtschaftlich richtig zugesetzt." Sinkende Nachfrage treffe auf steigende regulatorische Anforderungen. „Die Kosten, die der Staat verursacht, die Auflagen, die Bürokratie – das nimmt kein Ende."

Ein Satz, der hängenbleibt

Besonders ein Moment während der Durchsuchung geht Ekina nicht mehr aus dem Kopf. Auf die Frage, warum die Behörden nicht gegen offensichtliche Problemfälle vorgingen, die in der Branche jeder kenne, habe es nur geheißen: „An die kommt man nicht so leicht ran wie an Sie." Für die Unternehmerin wirft dieser Satz grundlegende Fragen auf: „Dann nimmt man die, die sichtbar sind. Die, die hier sind. Die, die erreichbar sind."

Teil einer größeren Entwicklung

Der Fall reiht sich ein in eine bundesweite Schwerpunktaktion gegen Creator und digitale Geschäftsmodelle. Finanzbehörden setzen dabei verstärkt auf Systeme zur automatisierten Auswertung öffentlich verfügbarer Inhalte. Allein in Nordrhein-Westfalen wird ein möglicher Steuerschaden von rund 300 Millionen Euro diskutiert, bundesweit sollen rund 1.200 Ermittlungsbeamte mit solchen Verfahren befasst sein.

Transparenz als Antwort

Gemeinsam mit einer auf Steuerstrafrecht spezialisierten Anwältin arbeitet Ekina nun an der Aufklärung. „Wir klären das transparent. Mit Zahlen, nicht mit Annahmen", betont sie. „Ich habe nichts davon, etwas zu verschleiern. Aber ich habe ein Problem damit, wenn Dinge falsch dargestellt werden."

Wie das Verfahren ausgeht, ist offen. Sicher ist nur: Für Anike Ekina – und für viele andere in der Creator-Branche – wird der Umgang mit öffentlichen Aussagen zu Einnahmen nie wieder derselbe sein.