Wie eine Amsel ihre Jungen im Nest vor heranpirschenden Katzen warnt, kann Uwe Westphal täuschend echt nachmachen. Mit kleinen Stoßrufen ahmt er die Warnung vor Bodenfeinden nach. Wird die Gefahr brenzlig, droht Gefahr aus der Luft wie von Sperbern oder Falken, werden die Geräusche schrill und gellend.
«Die Rufe sind angeboren, die feierlichen Gesänge erlernt», erklärt der Vogelstimmenimitator aus Maschen (Landkreis Harburg). Die Gesänge werden den jungen Singvögeln bereits in der Nestlingszeit eingeprägt.
Im Herbst fangen junge Amseln an zu üben, im folgenden Frühjahr muss es angewendet werden. Die melodiösen Gesänge haben im Frühjahr die Funktion, das eigene Revier anzuzeigen und Weibchen anzulocken. Rufe etwa zum Warnen sind ganzjährig zu hören.
Auch Frösche, Heuschrecken und Störche im Repertoire
Der musikalische Biologe hat sich mit neun Jahren schon für die Stimmen in der Natur interessiert, auf dem Hof seiner Eltern lernte er die Laute von Kühen und Schweinen. Mit elf machte er seine erste Vogelkundeführung mit und war begeistert.
«Ich hatte Spaß, an meiner Stimme zu arbeiten», erzählt der Vogelkundler in Outdoor-Kleidung. «Es ist wie eine Fremdsprache.» Und er hat genau zugehört: Wie klingen die Töne in der Nähe, wie in der Ferne? Durch jahrelanges Training hat er es auf 130 Vogelstimmen gebracht, die er ohne Zögern abrufen kann. Im Repertoire habe er auch Frösche, Heuschrecken und das Klappern der Störche.
Weniger Feinde in der Stadt
Etwa 240 Arten gibt es in Deutschland, 30 bis 35 Arten nach seinen Angaben im Harburger Stadtpark, wo Westphal sich zu Hause fühlt. In Hamburg gebe es viele ökologische Nischen und deshalb an die 160 Vogelarten. «In der Stadt wird im Winter gefüttert, man kann eine deutliche Verstädterung sehen», berichtet er. So sei die Amsel seit Jahrzehnten zum Stadtvogel geworden - einfach, weil sie dort weniger Feinde hat. Auf dem Land sei allerdings der Bruterfolg besser.
Einer seiner Lieblingsvögel ist der Zilpzalp oder Weidenlaubsänger, der quasi seinen Namen ruft. Und angetan hat es dem 68-Jährigen auch der kleine Zaunkönig: «9 Gramm leicht, 9,5 Zentimeter lang, aber 90 Dezibel laut», erzählt Westphal im Harburger Wald lachend. Mit seinem kleinen Fernglas sucht er stundenlang nach den scheuen Exemplaren, die es oft in Brombeersträucher zieht.
Auch das Blaukehlchen imponiert ihm: «Ein wunderschöner Vogel, der viele andere nachmacht. Man nennt ihn den Vogel der tausend Stimmen.» Oder: «Nachtigall des Nordens».
Anlocken will er die Vögel nicht, damit würde er sie nur verwirren. «Ich kommuniziere nicht mit ihnen». Sein Motiv: Er will seine Mitmenschen für die Tierwelt begeistern. Nur an der Nachtigall ist er bisher gescheitert: «Ich kann sie nicht imitieren, sie hat bis zu 160 Motive».
Berliner Philharmoniker fragen an
Dreistündige Führungen bietet der Buchautor im Biosphärenreservat Schalsee in Mecklenburg-Vorpommern für einen Kostenbeitrag an - sie beginnen um 4.30 Uhr, die beste Zeit zur Beobachtung der unterschiedlichen Gesänge. Zunächst arbeitete er für Naturschutzverbände und schrieb für diverse Zeitschriften. In etlichen Talkshows war er ein beliebter Gast, sogar in der Schweiz trällerte und tirilierte er im TV zum Vergnügen der Zuhörer.
Im Juni reiste der Birdman mit seinen Vorträgen durch ganz Deutschland. Obwohl er schon lange in Rente ist, nimmt er auch Angebote von den Berliner Philharmonikern an. Vor Hunderten von Zuhörern leitet er Konzerte mit seinen Vogelstimmen ein. Beim Rias Kammerchor war er zuletzt auch während des Konzerts eingebunden.
Weniger Bauvorhaben für mehr Vogelschutz
Gar nicht gut zu sprechen ist Westphal auf die politischen Entscheidungen in den vergangenen Jahren. «Nicht jede Baulücke darf zugepflastert werden», fordert er. «Der Mensch verhält sich weltweit gesehen mit unbegrenztem Wachstum wie ein Krebsgeschwür», behauptet er.
Es werde hart daran gearbeitet, die Naturschutzrichtlinien für Vögel auszuhebeln. «Wir müssen komplett los von unserem Wachstumsmodell, denn in Deutschland haben wir nur noch Basisvorkommen.» So gehörten 80 Prozent aller im Bundesgebiet brütenden Vögel zu lediglich 20 Arten.
Malte Siegert, Vorstandsvorsitzender Naturschutzbund (Nabu) Hamburg, stimmt ihm zu: «Die Situation in Deutschland ist keine gute.» Die Artenvielfalt auf dem Land sei durch die industrielle Landwirtschaft vielerorts eingeschränkt und in den Städten hätten Wohnungsbau und Verkehrsinfrastruktur in der Regel Vorrang.
«Wenn wir der grauen Infrastruktur ein überragendes öffentliches Interesse einräumen, müssen wir der grünen Infrastruktur ein ebensolches geben», sagt Siegert. Damit würden kostenfreie Naturleistungen wie sauberes Wasser und Luft, gute Böden und die Bestäubungsleistung von Insekten gefördert. «Eine Degradierung ist auch ökonomisch gesehen kurzsichtig», betont er.
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