Hunderte Polizisten werden an diesem Samstag wieder nötig sein, um das Hochrisikospiel zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV abzusichern. Nur direkt am Spielfeldrand - da treffen sich zwei Freunde. Die beiden Trainer Daniel Thioune (Werder) und Merlin Polzin (HSV) haben jahrelang eng zusammengearbeitet. Und so dreht sich das 110. Nordderby der Fußball-Bundesliga (Samstag, 15.30 Uhr/Sky) diesmal nicht nur um die Rivalität zweier Vereine und ihre Aussichten im Abstiegskampf. Es erzählt auch eine Geschichte, die vor 13 Jahren auf einem Trainingsplatz in Osnabrück begann.
Damals trainierte Thioune eine Jugendmannschaft des VfL. Und dabei fiel ihm ein junger Mann auf, der die Trainingseinheit beobachtete und sich fleißig Notizen machte. Er sprach ihn an, lernte so den damals 22-jährigen Lehramts-Studenten Polzin kennen, bekam von ihm eine fundierte Analyse des nächsten Gegners präsentiert - und machte ihn kurze Zeit später zu seinem Co-Trainer.
Sieben Jahre arbeiteten beide in dieser Konstellation beim VfL Osnabrück und beim HSV zusammen. Daraus entwickelte sich eine Freundschaft, die nun zumindest für einen Tag hinter dieses so sportlich wie historisch aufgeladene Bundesliga-Duell zurücktreten muss.
«Am Wochenende sind wir keine Freunde», sagt Thioune mit einem Schmunzeln. Aber: «Es muss schon eine Menge passieren, dass unser Verhältnis unter irgendetwas leidet. Wir hatten eine wunderbare Zeit zusammen. Wenn nicht mal irgendwann etwas dazwischenkommt und er mir ins Auto fährt, dann würde ich behaupten, dass wir Freunde sind.»
Bundesliga? «Hat sich abgezeichnet»
Freundschaft: Auch Polzin benutzt genau dieses Wort, um das Verhältnis der beiden zu beschreiben. «In den 90 Minuten wollen beide Teams das Spiel gewinnen. Aber ich kann trotzdem behaupten, dass in diesen 90 Minuten ein Freund auf der anderen Seite steht», sagt der HSV-Coach. «Das Freundschaftsverhältnis ist mir sehr wichtig und bedeutet mir auch sehr viel.»
Dass die Trainerkarrieren der beiden nicht im Nachwuchsbereich des VfL Osnabrück enden würden, war vielen klar, die sie schon länger kennen. Spätestens als Thioune und Polzin das Profiteam der Niedersachsen 2019 zum Zweitliga-Aufstieg führten, zeichnete sich ab: Das eigentliche Ziel des Duos ist die Bundesliga.
«Das kann ich so bestätigen», sagt Benjamin Schmedes, der damals Sportdirektor des VfL war und am 1. Juni in gleicher Funktion zur Deutschen Fußball Liga (DFL) wechseln wird. Dass Thioune nun Bundesliga-Trainer sei, «hat sich abgezeichnet und ist für mich nicht überraschend. Vor einer Gruppe mit Spielern kann er sehr mitreißend sein. Aber auch sehr klar, was die Anforderungen angeht.»
Polzin gewinnt erstes Duell
Unerwartet war höchstens, dass Polzin früher in der ersten Liga ankam als sein langjähriger Chef. 2021 blieb der gebürtige Hamburger nach der Freistellung von Thioune beim HSV und führte seinen Herzensverein vier Jahre später zum lang ersehnten Aufstieg. Auf dem Weg dorthin gewann Polzin 2025 auch das erste direkte Duell mit Thioune und dessen Ex-Club Fortuna Düsseldorf mit 4:1.
Doch zum einen betont Polzin immer wieder, wie viel er von Thioune und dessen Mannschaftsführung gelernt habe («Daniel war für mich ein ganz, ganz wichtiger Bestandteil in meiner Trainerlaufbahn»). Und zum anderen gibt es in der Fußball-Historie viele Beispiele, in denen der Mann aus der zweiten Reihe irgendwann an seinem vermeintlichen Lehrmeister vorbeizog.
José Mourinho war drei Jahre lang Co-Trainer von Louis van Gaal, ehe er den früheren Bayern-Coach 2010 im Champions-League-Finale mit Inter Mailand besiegte. Noch emotionaler ging es 2005 im UEFA Cup zu, als der vergangene Woche verstorbene Starcoach Mircea Lucescu die Pressekonferenz nach einer überraschenden Niederlage von Schachtor Donezk damit begann, dass er dem gegnerischen Trainer einen Kuss auf den Hinterkopf gab. Sein Widersacher war sein eigener Sohn.
Soweit wird es im Weserstadion kaum kommen. «Wir werden uns am Samstag herzlich begrüßen, dann ist es 90 Minuten plus Rivalität», sagt Thioune. Am liebsten wäre es ihm und Polzin, wenn es dieses brisante «Freundschaftsspiel» («Kicker») in der nächsten Saison gleich nochmal gibt. Das würde bedeuten, dass sie Werder Bremen und den Hamburger SV in der Bundesliga gehalten hätten.
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