Sollte das kaum Vorstellbare tatsächlich passieren, gibt es Ende Juli in Braunschweig eine große Party. Dann wäre Österreich Fußball-Weltmeister. «Und dann bringe ich den WM-Pokal mit», sagt Lars Kornetka mit einem Lachen.
Der 48-Jährige ist der Einzige, der gleichzeitig einen prominenten Job im deutschen Profifußball und bei der Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada hat. Denn der Chefcoach von Eintracht Braunschweig ist auch Co-Trainer der österreichischen Nationalmannschaft und damit Assistent von Ralf Rangnick.
Ganz konkret bedeutet dies, dass Kornetka in den nächsten Wochen Teile der Kaderplanung und der Saisonvorbereitung in Braunschweig verpassen wird, weil man ihn auch 9400 Kilometer entfernt in Österreichs WM-Quartier in Santa Barbara/Kalifornien braucht. Sollte sein Team in einer Vorrunden-Gruppe mit Weltmeister Argentinien, Algerien und Jordanien Zweiter werden - dann würden das erste K.o.-Runden-Spiel bei der WM und der Trainingsauftakt der Eintracht am 2. Juli auf einen Tag fallen.
Traum-Gegner Argentinien
Warum er das alles in Kauf nimmt? Diese Doppelbelastung für ihn? Einen Sommer ohne freien Tag für seine Familie? Und diese lange Fehlzeit bei seinem Club? «Es ist das größte Turnier, das es gibt auf der Welt. Natürlich freue ich mich da riesig drauf», sagt Kornetka. «Allein gegen Argentinien zu spielen, ist für mich etwas Besonderes. Als ich ein junger Kerl war, war Gabriel Batistuta mein Lieblingsspieler. Ich habe seine Trikots immer gesammelt.»
Der frühere Co-Trainer von Bayer Leverkusen, RB Leipzig und PSV Eindhoven übernahm die Eintracht im März mitten im Abstiegskampf der 2. Bundesliga. Es ist seine erste Station als Cheftrainer und es war auch von Anfang an klar: Braunschweigs Sport-Geschäftsführer Benjamin Kessel wollte nur Kornetka als Nachfolger von Heiner Backhaus und niemanden sonst. Aber er bekam ihn nur, weil er ihn auch für die WM freigab. Das war der Deal.
«Nach dem letzten Spiel gegen Schalke ist Lars noch eine Woche in Braunschweig geblieben. Wir haben die Saison gemeinsam analysiert. Wir sind den Kader im Detail durchgegangen. Wir haben mit vielen potenziellen Neuzugängen gesprochen. Und wir haben gemeinsam die Profile dafür definiert. Wir haben also schon viele Dinge vorbesprochen», sagt Kessel und signalisiert damit: Wir kriegen das schon hin. Während der WM wird Kornetka regelmäßig Kontakt zu Kessel und Co-Trainer Stefan Kulovits halten.
Viel mehr als nur Assistent
Dem Trainer selbst ist wichtig, die ganze Sache nicht nur aus der Braunschweiger Perspektive zu sehen. Ein Land wie Österreich könne nunmal nicht drei Monate vor der ersten WM-Teilnahme seit 1998 ein eingespieltes Trainerteam umbauen. «Wie schaffen wir es, als kleine Nation mit den Großen mitzuhalten? Dafür müssen wir richtig gut zusammenarbeiten!», sagt Kornetka.
Rangnick holte seinen engen Vertrauten schon vor 19 Jahren als Videoanalyst zu 1899 Hoffenheim. Und wer den Anspruch und Perfektionismus des deutschen Trainer-Vordenkers kennt, der weiß auch: Kornetka wird in Santa Barbara nicht bloß Hütchen auf einen Trainingsplatz stellen.
«Wir haben über vier Jahre einen Workflow aufgesetzt, der perfekt harmoniert», sagt er. «Ich bin darin für Bereiche zuständig, die über den Fußball hinausgehen: Medizin, Schlaf, Ernährung, Kommunikation, psychologische Handgriffe.» Und für Kornetka bedeutet das: «Solange ich Verantwortung übernehme, will ich der auch gerecht werden. Es stand für mich nie zur Diskussion, ob ich bei dieser WM fernbleiben kann oder nicht.»
Lob vom Werder-Kapitän
Marco Friedl ist Kapitän von Werder Bremen und Teil des österreichischen WM-Kaders. In einem großen 11Freunde-Interview zur WM sagte er: Dieses Trainerteam sei «das Beste, was dem ÖFB passieren konnte».
Denn: «Früher wurde oft geschmunzelt: Das kleine Österreich - vielleicht schafft es ja mal wieder eine Qualifikation», so Friedl. «Inzwischen gehen wir nicht mehr mit dem Gedanken in Spiele: "Heute geht eh nix". Wir wissen: Wenn wir ans Limit gehen, ist gegen jeden Gegner etwas drin.» Sogar gegen den Weltmeister Argentinien und seinen Superstar Lionel Messi im zweiten WM-Gruppenspiel am 22. Juni.
Dafür spricht auch: Kornetka meint das mit dem WM-Pokal durchaus ernst. «Wenn man zu einem Turnier fährt, dann will man das auch gewinnen», sagt er. Für dieses große Ziel verzichtet er in diesem Sommer gern auf seinen Urlaub: «Denn im Urlaub würde ich wahrscheinlich sowie Fußball gucken.»
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