Das gab es in der langen Bundesliga-Geschichte von Werder Bremen noch nie. Die Männer spielen gegen den Abstieg - und die Frauen um den Einzug in die Champions League.
Vor dem Nordderby an diesem Samstag beim Hamburger SV (14.00 Uhr/DAZN und MagentaSport) sind die Bremerinnen zwar etwas aus dem Tritt geraten: Zwei Spielausfälle folgten auf drei Partien ohne Sieg. Drei Punkte Rückstand auf einen Champions-League-Platz passen aber immer noch zu dem bemerkenswerten Tempo, in dem sich der Frauenfußball bei Werder allein in den vergangenen zwölf Monaten entwickelt hat.
März 2025: Zuschauerrekord beim DFB-Pokal-Halbfinale in Hamburg mit 57.000 Fans. Mai 2025: Erstmals im Pokal-Endspiel gegen Bayern München. Dezember 2025: Tabellenplatz drei nach der Bundesliga-Hinrunde.
«Es ist ganz viel Begeisterung uns gegenüber in der Stadt und auch im Club», sagte die Werder-Trainerin Friederike «Fritzy» Kromp in dieser Woche bei «MagentaSport».
Die 41-Jährige kam vor dieser Saison nach Bremen und ist das bekannteste Gesicht des Werder-Aufschwungs. Zusammen mit den Weltmeistern Per Mertesacker und Christopher Kramer gehört sie zum Fußball-Expertenteam des ZDF. Als die Bremer Männer vor zweieinhalb Wochen ihren Trainer Horst Steffen freistellten, schrieb «Bild»: «Habt Mut, Werder!» - und empfahl Kromp als Nachfolgerin.
«Champions League wäre mega»
Das war auch für Birte Brüggemann neu. Seit 19 Jahren leitet sie bei Werder die Frauenfußball-Abteilung. In der Verbandsliga Bremen fing 2007 alles an. Geht es bald 20 Jahre später demnächst gegen den FC Barcelona oder Real Madrid?
«Die Champions League wäre mega und alle würden sich freuen», sagte Brüggemann der Deutschen Presse-Agentur. «Aber wir sind auch Realisten»- und das heißt in diesem Fall sehr viel.
Die Einschaltquoten bei großen Turnieren, die vollen Stadien bei einigen Events, das Investment der großen Clubs: Viele Zuschauer bekommen nur den vordergründigen Boom des Frauenfußballs mit. Wie sehr diese Entwicklung Clubs wie Werder oder den HSV überfordern kann: Wie groß die Gefahr ist, den Anschluss zu verlieren: Das kann kaum jemand besser beschreiben als Brüggemann.
«Rattenrennen» auf dem Transfermarkt
«Auf dem Transfermarkt hat auch im Frauenfußball ein Rattenrennen begonnen», erzählt sie. «In diesem Winter habe ich eine Verhandlung geführt, die monetärer Wahnsinn war. Wir können für Spielerinnen nicht den vierfachen Preis des Marktwertes zahlen.»
Den Druck bekommt ein Verein wie Werder von zwei Seiten zu spüren. An der Bundesliga-Spitze müssen die beiden Topclubs FC Bayern und VfL Wolfsburg immer mehr in ihre Kader investieren, um in der Champions League mit Teams aus England und Spanien mithalten zu können.
Und aus der zweiten Liga werden absehbar weitere Schwergewichte wie der VfB Stuttgart oder Borussia Dortmund nachrücken. «Die Bundesliga wird in drei, vier Jahren ganz anders aussehen», sagt Brüggemann. «Dann kann jeder Verein, der jetzt zur Mittelklasse gehört, schnell wieder unten hineingeraten.»
Das Ziel: Unabhängiger vom Männerfußball
Der Frauenfußball ist immer noch ein Zuschuss-Geschäft. Er lebt weiter von Geldern, die größtenteils im Männerfußball verdient werden.
Clubs wie Wolfsburg und Bayern können sich das eher leisten als Werder. Dort kümmert sich Brüggemann weitgehend allein um die Bereiche, für die es bei den Männern einen Clemens Fritz (Geschäftsführer Profifußball), einen Peter Niemeyer (Leiter Lizenzbereich), einen Johannes Jahns (Kaderplaner) und einen Marc Dommer (Leiter Nachwuchsleistungszentrum) gibt.
«Wir müssen uns vom Männerfußball unabhängiger machen», sagt die Werder-Chefin. Auch deshalb ringen der neue Ligaverband FBL und der Deutsche Fußball-Bund um die Frage: Wer finanziert den großen Investitionsbedarf im Frauenfußball?
Solange das nicht geklärt ist, kann Werder nur im eigenen Tempo wachsen. Vor der Saison finanzierte der Club unter anderem zwei neue hauptamtliche Co-Trainer und eine zweite hauptamtliche Physiotherapeutin. Nächstes Ziel ist es, «Spielerinnen so gut zu entwickeln, dass wir mit ihnen Geld verdienen. Dass wir Mehrwert-Spielerinnen ausbilden» (Brüggemann).
Dieses Tempo reicht vielleicht nicht, um langfristig oben zu bleiben. Aber immerhin, um kurzfristig weit oben anzuklopfen. Das Hinspiel gegen den HSV gewann Werder vor 37.000 Zuschauern mit 2:0.
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