Hunderte Kameras statt Kassenscanner: Ist das die Zukunft niedersächsischer Supermärkte?
Digitalisierung online und vor Ort
Viele Angebote, die früher an einen bestimmten Ort gebunden waren, lassen sich inzwischen digital nutzen. Verbraucher erledigen Bankgeschäfte per App oder greifen über Online Plattformen auf Unterhaltung, Streaming- oder Gaming-Angebote zu. Auch Glücksspiel wird über digitale Plattformen angeboten, anstatt nur in der Spielbank vor Ort. Dabei gilt jedoch: Ein Online Casino, wie etwa die Plattform von Novoline, muss in Deutschland mit einer gültigen Lizenz betrieben werden.
Auch der E-Commerce unterliegt rechtlichen Vorgaben, etwa zum Verbraucherschutz, zur Preisangabe und zum Widerrufsrecht. Der Onlinehandel ermöglicht es, Waren unabhängig von Öffnungszeiten zu bestellen, Angebote verschiedener Händler zu vergleichen und Produkte direkt nach Hause liefern zu lassen. Für Unternehmen entsteht damit ein zusätzlicher Vertriebskanal, der den klassischen Ladenverkauf ergänzt oder teilweise ersetzt.
Die Digitalisierung verändert jedoch nicht nur den Zugang zu Produkten und Dienstleistungen. Sie greift auch in Abläufe ein, die weiterhin vor Ort stattfinden. Selbstbedienungskassen ersetzen das Scannen durch Beschäftigte, mobile Geräte unterstützen den Einkauf und automatisierte Systeme erfassen Warenbewegungen.
Damit verschiebt sich auch die Interaktion: Wo früher der direkte Kontakt zwischen Kunden und Beschäftigten den Einkauf an der Kasse prägte, tritt zunehmend die Kommunikation mit technischen Systemen an seine Stelle. Das wirft die Frage auf, wie viel menschlicher Kontakt im Alltag verloren geht, wenn persönliche Begegnungen zunehmend durch technische Abläufe ersetzt werden.
Der Testmarkt in Hannover steht für diese zweite Entwicklung. Hier wird nicht der Einkauf ins Internet verlagert. Vielmehr soll die Technik einen vertrauten Vorgang im Geschäft vereinfachen und die manuelle Erfassung der Waren überflüssig machen.
Einkauf ohne Scannen
Der Hannoveraner Testmarkt verfügt über rund 650 Quadratmeter Verkaufsfläche. Kameras und Sensoren erfassen, wenn Kunden Produkte aus den Regalen nehmen oder zurücklegen. Eine KI-gestützte Bilderkennung ordnet die Warenbewegungen den jeweiligen Einkäufen zu. Die technische Lösung stammt vom Unternehmen Trigo Vision.
Am Ende des Einkaufs wird die zusammengestellte Warenliste an einem Bezahlterminal angezeigt. Kunden können dort ihre Einkäufe kontrollieren und nach Angaben des Betreibers bar oder mit Karte bezahlen. Der manuelle Scanvorgang entfällt damit weitgehend. Die Technik soll erkennen, welche Artikel tatsächlich mitgenommen werden, auch wenn Waren zwischenzeitlich wieder im Regal landen.
Der Testmarkt ist natürlich kein personalfreier Laden. REWE beschäftigt dort nach eigenen Angaben rund 25 Mitarbeitende. Der Versuch soll zeigen, wie sich die automatisierte Erfassung in einem regulären Supermarkt umsetzen lässt. Selbstbedienungskassen und mobile Scanlösungen sind im deutschen Einzelhandel bereits verbreitet. Sie unterscheiden sich jedoch vom Hannoveraner Konzept: Bei einer SB-Kasse scannen Kunden ihre Produkte selbst, beim Self-Scanning erfassen sie die Waren bereits während des Einkaufs. Die kameragestützte Lösung soll diese Arbeitsschritte überflüssig machen.
Branchenuntersuchungen zeigen, dass Händler verstärkt auf neue Kassensysteme und KI-Anwendungen setzen. Daraus folgt allerdings nicht, dass kamerabasierte Supermärkte bereits zum Standard gehören. Die Verbreitung von Selbstbedienungskassen belegt zunächst nur, dass sich der Bezahlvorgang im Handel verändert. Ob sich die automatische Produkterfassung durchsetzt, hängt auch davon ab, ob sie im laufenden Betrieb zuverlässig funktioniert und sich wirtschaftlich rechnet. Die technischen Anforderungen und Investitionen unterscheiden sich von denen herkömmlicher Kassensysteme.
Neue Aufgaben fürs Personal
Wenn Kunden ihre Waren nicht mehr selbst scannen müssen, verändert sich auch die Arbeit im Kassenbereich. REWE sieht in der Technik eine Möglichkeit, Beschäftigte zu entlasten und mehr Zeit für Beratung und Service zu schaffen. Der Hannoveraner Markt zeigt, dass die Automatisierung nicht zwingend mit einem Verzicht auf Personal verbunden ist.
Ob sich dadurch tatsächlich Arbeitszeit einsparen lässt oder sich Aufgaben lediglich verschieben, ist bislang nicht ausreichend belegt. Für eine wirtschaftliche Bewertung müssten unter anderem Anschaffung, Wartung, laufender Betrieb und Personalbedarf berücksichtigt werden. Auch mögliche Kosten durch fehlerhafte Erfassungen gehören dazu.
Wie zuverlässig die automatische Erfassung funktioniert, lässt sich nicht allein anhand der technischen Beschreibung beurteilen. Bei einem Testkauf des NDR wurden die Waren korrekt erfasst. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung berichtete dagegen von Fehlzuordnungen und einer unvollständigen Einkaufsliste. Einzelne Praxistests erlauben keine verlässliche Aussage darüber, wie häufig solche Fehler im Alltag auftreten. Für Kunden ist jedoch entscheidend, dass die Einkaufsliste stimmt und fehlerhafte Buchungen unkompliziert korrigiert werden können. REWE bietet dafür Reklamationsmöglichkeiten an.
Erst längerfristige Erfahrungen können zeigen, wie stabil das System unter unterschiedlichen Bedingungen arbeitet und ob sich die Fehlerquote ausreichend niedrig halten lässt.
Kameras und Datenschutz
Die automatische Zuordnung von Warenbewegungen setzt voraus, dass das System die Vorgänge im Geschäft erfasst und einem Einkauf zuordnet. Damit stellt sich auch die Frage, welche Daten dabei verarbeitet werden und wie lange sie gespeichert bleiben.
REWE beschreibt die Verarbeitung als datensparsam. Der NDR berichtete über die Löschung der Aufnahmen nach kurzer Zeit. Diese Angaben sind jedoch keine unabhängige Prüfung sämtlicher Verarbeitungsschritte. Entscheidend ist, welche Bild- und Einkaufsdaten tatsächlich anfallen und zu welchen Zwecken sie genutzt werden. Die Datenschutz-Grundverordnung verlangt eine rechtmäßige, zweckgebundene und verhältnismäßige Verarbeitung personenbezogener Daten. Kunden müssen nachvollziehen können, welche Informationen erhoben werden. Komfort beim Einkaufen und der Schutz der Privatsphäre müssen daher gemeinsam betrachtet werden.
Zukunft für Niedersachsen?
Neben kameragestützten Supermärkten entstehen in Niedersachsen weitere digitale Handelskonzepte. Anfang 2026 zählte die IHK Niedersachsen rund 90 digitale Kleinstsupermärkte im Land. Diese sogenannten Smart Stores sollen vor allem in kleineren Orten und ländlichen Gebieten die Nahversorgung sichern. Die Konzepte setzen unterschiedliche Schwerpunkte: Während der Testmarkt in Hannover die automatische Erfassung von Einkäufen in einem größeren Supermarkt erprobt, ermöglichen Smart Stores den Einkauf mit wenig Personal und weitgehend automatisierten Abläufen. Beide Ansätze zeigen, wie digitale Technik den stationären Handel verändern kann.
Ob die kameragestützte Erfassung auch in weiteren Supermärkten flächendeckend eingesetzt wird, hängt unter anderem von ihrer Zuverlässigkeit, den Kosten, dem Datenschutz und der Akzeptanz der Kundschaft ab. Der Test in Hannover liefert erste Einblicke in dieses Modell. Ob es sich langfristig durchsetzt, bleibt offen.