Letztens kam ein Student aus den USA. Für eine wissenschaftliche Arbeit über norddeutsche Auswanderer nach Amerika suchte er plattdeutsche Literatur. Bei seiner Recherche war er auf die Bibliothek des Instituts für niederdeutsche Sprache (INS) in Bremen gestoßen. Der katalogisierte Bestand ist online zu finden und reicht von historischen Werken bis zur zeitgenössischen Literatur. Die Sammlung plattdeutscher Medien ist so groß wie sonst nirgendwo auf der Welt. «Er war zwei-, dreimal hier und hat sich was rausgeschrieben», erzählt Nele Otten.
Nutzung der Bibliothek ist kostenlos
Im Sortiment sind auch Werke in Plautdietsch, einer Variante des Niederdeutschen, das vor allem im Ausland von den Nachfahren deutscher Auswanderer gesprochen wird. So war kürzlich ein älterer Mann aus Kanada da, der sich für ein Wörterbuch für Plautdietsch interessierte.
«Es ist spannend, welche Leute man hier kennenlernt», sagt Otten. Die Nutzung der Bibliothek ist kostenlos, ausleihen darf allerdings keiner etwas. «Alles andere wäre zu aufwendig», betont die Bibliotheksleiterin, die die einzige Angestellte am INS ist. Das Institut wird rein ehrenamtlich betreut.
Tür steht meist für Besucher offen
Die Bibliothek liegt im historischen Schnoor-Viertel, die Tür steht meist offen. Die meisten Besucher kommen daher spontan herein. Zudem gibt es häufigen Besuch von Schulklassen oder Studierenden der Literatur- oder Sprachwissenschaft. Gerade waren Studierende aus Hannover da, die sich mit dem Fokus auf das Thema Diskriminierung in plattdeutscher Literatur umgeschaut haben. «Es gibt das Klischee, dass Plattdeutsch eine Sprache für alte Leute ist. Aber das ist definitiv nicht der Fall», sagt Otten.
Mit ihren 27 Jahren ist sie selbst das beste Beispiel, dass das gängige Bild nicht stimmt. Für Sprachen hat sie sich schon immer interessiert. Sie hat in Oldenburg Niederländisch und Russisch studiert, zu ihrem Job ist die Bremerin vor mehr als drei Jahren über ein Praktikum gekommen.
«Während der Corona-Zeit hatte ich Zeit, einen Plattdeutsch-Sprachkurs an der Uni zu machen», erzählt Otten. «Es war der schönste Kurs während des Studiums.»
Während des Kurses wurde ihr bewusst, dass sie Wörter schon von ihrem Opa kannte. Der hatte in ihrer Kindheit regelmäßig plattdeutsche Ausdrücke in sein Hochdeutsch integriert. «Ich dachte damals, das sei alles Hochdeutsch.»