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Konsequenzen nach Stade - Ruf nach mehr Schutz für Helfende

Nach den Schüssen in einer Jugendeinrichtung sind schnell Einsatzkräfte, Retter und andere Helfer vor Ort. Sind solche Einrichtungen ausreichend geschützt?   / Foto: Ulrich Perrey/dpa
Nach den Schüssen in einer Jugendeinrichtung sind schnell Einsatzkräfte, Retter und andere Helfer vor Ort. Sind solche Einrichtungen ausreichend geschützt? / Foto: Ulrich Perrey/dpa

Die tödliche Gewalttat in Stade rückt einen sensiblen Bereich in den Fokus. Müssen Schutzeinrichtungen sicherer werden? Dazu gibt es klare Forderungen, aber auch das Bewusstsein für ein Dilemma.

«Das hätten wir alle sein können.» Mit dieser Reaktion auf die tödlichen Schüsse mit sechs Opfern in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade werden die Dimensionen der Betroffenheit klar. Der Berufsverband für Soziale Arbeit drückt in seinem Statement Angehörigen, Freunden, Kollegen und Betroffenen Mitgefühl aus. Gleichzeitig richtet er aber auch den Blick auf die Opfer: «Menschen, die jeden Tag für andere da waren.» Müssen solche Menschen besser geschützt werden? 

Tödliche Attacke in einer Mutter-Kind-Wohngruppe

Kurz nach der Tat dominieren Erschrecken, Trauer und Fassungslosigkeit. An ersten Reaktionen auf den Tod der vier Frauen und zwei Männer nach der Attacke in einer Mutter-Kind-Wohngruppe in der niedersächsischen Stadt westlich von Hamburg wird aber deutlich, dass dieses Ereignis nur schwer ohne Konsequenzen bleiben dürfte. Neben Beschäftigten der Einrichtung wurden drei Mitarbeitende eines Jugendamtes getötet. 

Nach den ersten Erkenntnissen hatten alle sechs Opfer einen Termin mit dem mutmaßlichen Täter. Dabei sollte es um das Sorgerecht für dessen drei Monate alte Tochter gehen. Nach Angaben der Region Hannover handelte es sich um ein Hilfeplangespräch, bei dem die Beteiligten Unterstützungsbedarf und mögliche Hilfe besprechen. Doch dann fielen am Montag um die Mittagszeit plötzlich Schüsse. Gegen den 45 Jahre alten mutmaßlichen Täter wurde am Dienstagabend Haftbefehl erlassen. Anschließend wurde er in eine JVA gebracht.

Arbeit mit erhöhtem Risiko von verbaler und physischer Gewalt

Wenn es um Sorgerecht oder Kindeswohlgefährdung gehe, seien die Beschäftigten in solchen Einrichtungen einem erhöhten Risiko von verbaler und physischer Gewalt ausgesetzt, sagt die stellvertretende Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Doreen Siebernik. «Sie erleben immer wieder Entgleisungen und Übergriffe, die tief in den Dynamiken von häuslicher Gewalt und patriarchalem Kontrollwahn verwurzelt sind», beschreibt sie. 

Zum Schutz der Einrichtungen bedarf es aus Sicht der GEW eines funktionierenden Systems von Jugendamt, Polizei und Trägern. Siebernik benennt aber offen das «Dilemma» dabei. «Einerseits müssen Arbeitgeber ihrer Fürsorgepflicht nachkommen und das Leben der Angestellten schützen. Andererseits leben soziale Arbeit und Jugendhilfe von Vertrauen und Zugänglichkeit», sagt sie. Sollten die Orte zu «Festungen» mit Sicherheitsschleusen mit bewachten Eingängen ausgebaut werden, könne dies die Hemmschwelle für Hilfesuchende vergrößern.

Widerspruch von mangelndem Schutz für Beschützer 

Der Widerspruch von mangelndem Schutz für Menschen, die andere Menschen schützen sollen, muss aber aus Sicht der Gewerkschaft Verdi aufgelöst werden. Für Mitarbeiter des Jugendamtes entstehen regelmäßig Situationen, bei denen es Kontakt mit Tätern gebe, sagt Landesbezirksleiterin für Niedersachsen-Bremen, Andrea Wemheuer. «Dem stehen mangelhafte Schutzkonzepte und fehlende Ressourcen gegenüber, um die Beschäftigten bestmöglich abzusichern», sagt sie. 

Ähnlich kritisiert die GEW, dass soziale Arbeit chronisch unterfinanziert und überlastet sei. Mutter-Kind-Einrichtungen gelten aber aus Sicht der Gewerkschaft im gesellschaftlichen Konsens als Schutzräume. «Dass hier ein Täter mit Waffengewalt in so ein Haus eingedrungen ist und Beschäftigte getötet hat, nimmt vielen Mitarbeitenden das grundlegende Gefühl von Sicherheit am Arbeitsplatz», sagt Doreen Siebernik für die Gewerkschaft. 

Schutzräume müssen Namen gerecht werden 

Um den Namen gerecht zu werden, müssten Siebernik zufolge Schutzräume materiell und personell so ausgestattet sein, dass Sicherheitskonzepte flächendeckend angewandt werden können. Es brauche Deeskalationstrainings, Doppelbesetzungen und bauliche Schutzmaßnahmen. Information über gewaltbereite Menschen müssten erfasst und zur Warnung weitergegeben werden. Als ein Beispiel nennt Siebernik die Installation von «Stillen Alarmen» an Schreibtischen, damit Betroffene sich unbemerkt verständigen können.

«Die schrecklichen Ereignisse von Stade führen in besonders grausamer Weise vor Augen, welchen Gefahren Beschäftigte ausgesetzt sein können, wenn sie im staatlichen Auftrag schwierige und oftmals konfliktreiche Entscheidungen begleiten», sagt Alexander Zimbehl für den Beamtenbund in Niedersachsen. 

Niemals an Gewalt gegen Helfer gewöhnen 

Er fordert zum einen eine realistische Gefährdungsanalyse an besonders sensiblen Arbeitsplätzen und zum anderen eine konsequente strafrechtliche Verfolgung von Bedrohungen und Angriffen. «Wir dürfen uns niemals daran gewöhnen, dass Menschen, die anderen helfen, selbst zu Opfern von Gewalt werden», sagt Zimbehl.

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