Auf der Forschungsstation Neumayer III in der Antarktis gehen gerade die letzten frischen Lebensmittel zur Neige: Schnell verderbliches Obst und Gemüse wie Salat und Tomaten stehen schon lange nicht mehr auf dem Speiseplan - der letzte Flug mit frischer Ware kam im Februar an. Die wenigen verbliebenen Äpfel reichen noch zwei Wochen. «Die allerletzte Orange haben wir gerade gefeiert», sagt Stationsleiter Ingo Gerstmann. Die Frucht sei unter den acht Mitgliedern des 46. Überwinterungsteams der Station aufgeteilt worden, die vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut (AWI) betrieben wird.
Hitze hier - zweistellige Minusgrade dort
Weil kaum Wind vorhanden sei, seien die Wetterbedingungen bei minus 18 Grad zurzeit angenehm. «Die tiefste von uns gemessene Temperatur war minus 39,6 Grad. Wenn dann noch Wind dazukommt, wird das sehr schnell sehr kalt», sagt Ingo Gerstmann. Für notwendige Tätigkeiten außerhalb der Station müssten sich die Teammitglieder in solchen Fällen besonders vor möglichen Erfrierungen schützen. Den Sommer in der Heimat vermisst Gerstmann aber nicht. Während der Hitzewelle war der 49-Jährige sogar froh, nicht dort zu sein.
Im normalen Leben ist Gerstmann Chirurg und Oberarzt am Klinikum Neustadt am Rübenberge bei Hannover, mit seiner Familie lebt er in der Landeshauptstadt. Jahr für Jahr sah er die Stellenausschreibungen des AWI für die Neumayer-Station III. Das Abenteuer reizte ihn schon lange. «Ich hatte das immer im Hinterkopf», sagt er. Nachdem er das Buch «Polarschimmer» las, in dem die Ärztin Aurelia Hölzer ihre Erfahrungen als Stationsleiterin in der Antarktis beschreibt, fasste er sich ein Herz: «Ich habe meine Familie gefragt, was sie davon halten würde, wenn ich gehe.»
Seine Frau und seine beiden Töchter waren mit der Teilnahme einverstanden. Dank der guten Internetverbindung hat er regelmäßigen Kontakt mit ihnen. «Ohne diese Möglichkeit hätte ich die Expedition nicht gemacht», sagt Gerstmann. Seine 17-jährige Tochter ist in der Endphase ihrer Schullaufbahn, die 22-Jährige startet gerade ihren nachschulischen Lebensweg. «Das ist eine Phase, bei der man diskutieren könnte, ob man besser zu Hause wäre. Aber es passt.»